Geschichten

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag

Vor ein paar Wochen fasste ich den Auftrag, für Geschenke sechsmal je vier Flaschen Wein zu organisieren. Ich ging zum Weinhändler, wählte 24 feine Flaschen Wein aus. Die Verkäuferin stellte mir sechs schöne Geschenkpakete her. Für den Transport bestellte ich mir ein Taxi, das auch prompt nach einigen Minuten in kurzer Entfernung anhielt.

Der Taxichauffeur kam auf mich zu, statt zu grüssen zeigte er auf die Geschenkpakete und fragte in barschem Ton: „Ist das Wein?“ „Ja“, gab ich zur Antwort. „Das kann ich nicht tragen.“ Mir machte es eigentlich nichts aus, alle meine Pakete in den Kofferraum zu bringen, doch mit jedem Gang stieg mein Adrenalin. „Was ist denn das für eine Dienstleistung!“ Keinen Fünfer Trinkgeld wird er bekommen!“ Noch viel anderes mehr schwirrte in meinem Kopf herum, doch ich hielt mich zurück und schwieg.

Schmollend verkroch ich mich in den Fond des Wagens. Als wir dann fuhren, fragte ich den Fahrer: „Können Sie mir jetzt sagen, warum sie mir diesen Wein nicht tragen konnten?“ „Wegen meinem Glauben“, gab er mir zur Antwort. „Ich darf keinen Wein trinken, ich darf keinen Wein verkaufen und ich darf keinen Wein tragen.“ „Transportieren schon“, murmelte ich halblaut vor mich hin.

Plötzlich fiel mir ein, dass ich, wenn ich schon einen Taxi beanspruche, auch noch Blumenerde einkaufen könnte. Und so fragte ich meinen Chauffeur, ob es ihm möglich wäre, bei der nächsten Gärtnerei vorzufahren, was er auch prompt machte.

Ratlos stand ich vor dem grossen Angebot von Blumenerde und schon stand mein Taxichauffeur hinter mir. Er entpuppte sich als grosser Blumenerdekenner. „Möchten Sie 10 oder 20 Liter, möchten Sie mit oder ohne Torf?“ Ich entschied mich für den grossen Sack ohne Torf, und schon eilte er damit zur Kasse und ich musste nur noch bezahlen.

Zu Hause angekommen stand er mit der Blumenerde in den Armen, einem Baby gleich, auf dem Parkplatz und schaute mir zu, bis ich alle Weinpakete im Hauseingang abgestellt hatte.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er etwas gutmachen wollte. So fragte ich ihn: „Würde es Ihnen Freude machen, mir die Blumenerde in den 1. Stock zu tragen?“ „Ja, sehr gerne“, entgegnete er, und mit schnellen Schritten eilte er die Treppe hoch. Als er wieder vor dem Haus stand, kreuzte er seine Arme, verbeugte sich und sagte: „Entschuldigung Madame, dass ich ihnen den Wein nicht tragen durfte.“

von Maria Gnädinger